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  • AutorenbildChristian Wittmann

Sein letztes Geschenk

erstveröffentlicht im Juli 2020 in REPORTAGEN

Der Chirurg setzt das Skalpell unterhalb des Kehlkopfes an, schneidet nur wenige Millimeter tief in die Haut und lässt die Klinge über den Brustkorb, den Bauch bis hinunter zum Schambein gleiten. Das ist der längste Schnitt, den es in der Chirurgie gibt – und der letzte. Die Operation dient nicht der Lebensverlängerung oder Heilung des Menschen, der hier vor dem Chirurgen auf dem Tisch liegt. Sie dient anderen Menschen, deren Organe zu versagen drohen. Dies ist die Multiorganexplantation eines verunfallten, hirntoten 39-jährigen Mannes, der – wie ich – Organspender ist.


An diesem Tag, im Januar 2019, habe ich Nachtdienst. Ich arbeite seit sieben Jahren als Lagerungspfleger im OP. Man kann sagen, ich habe so ziemlich alles gesehen, auch Transplantationen dieser Art. Auch tote Kinder. Was mich aber in den folgenden Stunden erwartet, wird mich noch Wochen darüber hinaus beschäftigen.

Diese Nacht ist anders, weil ich ganz bewusst entscheide, die Situation an mich heranzulassen. Woher dieser Impuls kommt, kann ich nicht sagen. Ich hatte schon immer einen Hang, mich mit den grossen Fragen des Lebens zu befassen. Fragen nach dem möglichen Sinn und dem Ende. Wahrscheinlich bin ich auch deshalb in der Medizin gelandet – arbeiten am Puls des Lebens. In sieben Jahren Operationssaal war ich mit völlig unterschiedlichen menschlichen Zuständen und Emotionen konfrontiert: die täglichen, zur Routine gewordenen, teilweise extrem verängstigten Patienten um sieben Uhr morgens, Eltern, die zusammenbrechen, während ich ihre Tochter zur Herzoperation fahre, demente Greise, Säuglinge mit offenem Rücken, Suizidopfer. Nicht hinsehen – das geht hier nicht. Auch all das ist Leben. Nur eben die unschönen Hinterzimmer unserer Existenz.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesmal spontan entscheide: kein «professioneller Abstand» zum Schutze der eigenen Emotionen, sondern vollständiges Daraufeinlassen. Nicht aus Schaulust, sondern zur bewussten Auseinandersetzung mit einem Thema, das wir alle gerne verdrängen: unsere Sterblichkeit, unser Wissen darum – und die Frage, was wir aus diesem Wissen für unser Leben ziehen können.


Die Schicht hat gerade begonnen. Es ist 22:00 Uhr. Die Lichter in der OP-Schleuse, dem Eingangsbereich des OP-Traktes, sind gedimmt. Ein Blick auf den Computerbildschirm verrät mir: «Herr X, 39 Jahre alt, Diagnose: hirntot; geplanter Eingriff: Multiorganexplantation». Sofort bin ich hellwach. Implantationen sind eine reguläre Sache. Die Organe kommen meist aus anderen Kliniken. Selbst innerfamiliäre Organspenden, wenn zum Beispiel der Vater dem Sohn eine Niere oder Teile der Leber spendet, erregen wegen ihrer Häufigkeit keine besondere Aufmerksamkeit mehr.

Bei Explantationen hingegen merkt jeder auf. Kein alltäglicher Eingriff. Und eine fast vollständige Explantation bei einem Hirntoten ist auch für erfahrene Kollegen eine absolute Seltenheit.


Ich bereite einen Operationstisch vor, gehe in den OP-Saal, richte Arbeitsmaterialien wie Kissen und Gurte her und prüfe notwendige Geräte wie zum Beispiel Absauger. Anschliessend warte ich in der Patientenschleuse auf – ja, auf wen eigentlich? Den Patienten? Den Toten? Den unaufhaltsam Sterbenden?


In Deutschland ist der sogenannte irreversible Hirnfunktionsausfall (IHA) klar geregelt: Zwei erfahrene Intensivmediziner müssen unabhängig voneinander und in Intervallen von zwölf, vierundzwanzig und zweiundsiebzig Stunden immer wieder eine genau festgelegte Reihe an Untersuchungen durchführen. Beispielsweise ein kurzzeitiger Stopp der künstlichen Beatmung, der bei nur Bewusstlosen den Reflex der Spontanatmung auslösen würde. Ebenso wird der Hustenreflex getestet, indem die Ärzte mit einem Spatel den Rachenraum betasten, oder gar einen Absaugkatheter in den Beatmungsschlauch einführen, um in den Atemwegen einen Reflex auszulösen. Bleiben solche überlebenswichtigen Schutzreflexe aus, deutet dies bereits auf eine nicht geringe Schädigung des Gehirns hin. Diese Untersuchungsrichtlinien sind von der Bundesärztekammer festgelegt. Hirnfunktionsausfall bedeutet, dass alle grundlegenden, vom Gehirn gesteuerten Körperkontrollfunktionen unwiederbringlich erloschen sind. Zusätzlich kann ein EEG (Elektroenzephalogramm) geschrieben werden, also eine Messung der elektronischen Hirnaktivität, welche über mindestens dreissig Minuten eine Nulllinie aufweisen muss, ein völliges Ausbleiben jeglicher elektrischen Aktivität. Der Körper wird durch intensivmedizinische Massnahmen am Leben erhalten. Ohen diese bräche das Herz-Kreislauf-System zusammen, und auch alle anderen Organe würden versagen.



Ein Klicken und Krachen ertönt, die grossen Flügeltüren der Patientenschleuse öffnen sich. Der verantwortliche Anästhesist schiebt ein Krankenhausbett ins Halbdunkel der Schleuse. Das Bett ist vollgepackt mit medizinischen Apparaturen, die ihre ganz eigene Geräuschkulisse mitbringen: das Zischen des Beatmungsgeräts sowie das Piepen vom EKG-Monitor. An Infusionsstangen hängen Beutel mit bunten Flüssigkeiten, am Fussende liegen Spritzenpumpen, die Perfusoren, mittels welcher die nötigen Medikamente gegeben werden. Erst als der Anästhesist mit dem Bett direkt vor mir, neben dem OP-Tisch zum Stehen kommt, sehe ich tief in der Matratze versunken den Patienten. Ein für das Auge völlig gesunder, friedlich schlafender Mensch. Und dennoch ist da nichts mehr. Diese Maschinen teilen das noch vorhandene Leben mit – und der bereits angebrachte Zettel am grossen Zeh dient zur sicheren Identifikation des später endgültig Verstorbenen. Dieser Kontrast ist surreal für mich. Es ist unmissverständlich klar, dass es hier nichts mehr zu diskutieren gibt. Jeder weiss, wie die Sache ausgehen wird.


Gemeinsam mit dem Anästhesisten und der Anästhesieschwester lagere ich den Patienten auf den OP-Tisch um. Zu dritt fahren wir in den Vorbereitungsraum gegenüber dem OP. Und dort wird es kompliziert. Die Frage, ob ein hirntoter Patient eine Vollnarkose oder eine leichte Narkose oder gar keine bekommt, wird seit langem sehr emotional und kontrovers diskutiert.

Da ein hirntoter Patient keinen Schmerz mehr empfinden kann, bedarf es keinerlei Schmerzmittel. Dennoch muss man in dieser Situation auch die behandelnde Anästhesistin oder den behandelnden Anästhesisten beachten. Von denen kann in dieser emotional stark belastenden Situation niemand verlangen, keine zumindest leichte Narkose zu machen. Obwohl der Anästhesist zu all dem nicht verpflichtet ist, kann es ethisch notwendig sein, damit er als Mensch gut durch diese Situation kommt und seinen Aufgaben konzentriert nachgehen kann. Welche vor allem darin liegen, ständig die Vitalfunktionen des Patienten zu überwachen und aufrechtzuerhalten. Und so entscheidet jeder Anästhesist im Rahmen von Klinikrichtlinien selbst, wie er an die Behandlung seines hirntoten Patienten herangeht.


Was auf jeden Fall verabreicht wird, ist ein Mittel zur Muskelerschlaffung. Dieses Medikament wird verabreicht, weil trotz des Ausfalls der Hirnfunktionen ein Zucken der Muskeln auftreten kann. Die zentralen Sensoren im Gehirn sind zwar nicht mehr funktionsfähig, dennoch können Sensoren im Rückenmark noch immer reagieren.

Ähnlich ist es beim Anstieg von Blutdruck und Puls. Obwohl ein Schmerzempfinden nicht mehr möglich ist, können die chemischen Ursachen eines Schmerzreizes im Gewebe trotzdem noch stattfinden. Und dies wiederum kann Blutdruck und Puls auch bei einem hirntoten Menschen ansteigen lassen.


Zwanzig Minuten später schieben wir den Patienten in den OP-Saal. Ein Weg von vier Metern. Wir gehen an unsere jeweiligen Arbeitsplätze. Die Anästhesieschwester kümmert sich um die venösen Zugänge, der Anästhesist behält die Beatmung im Auge, und ich widme mich dem Patienten.

Als Lagerungspfleger lagere ich, wie der Name bereits sagt, den Patienten auf dem OP-Tisch. Dies tue ich nach Absprache mit dem Chirurgen. Da es fast keine Position gibt, in die wir einen menschlichen Körper nicht bringen können (Rückenlage, Bauchlage, Seitenlage), gibt es dafür eine grosse Anzahl von Stützen, Gel- und Schaumstoffkissen sowie diverse Gurte. Wichtig ist, dass keine harten Druckstellen entstehen und Extremitäten nicht überstreckt werden. Der Patient ist in der Regel vollnarkotisiert, oder wie in unserem Falle hirntot, kann also keine Rückmeldung geben.

Und selbstverständlich muss der Patient immer so gelagert werden, dass die Operateure besten Zugang haben. Sei es im Stehen oder Sitzen. Eine Schulter-OP wird entsprechend anders gelagert als eine Operation am Gehirn. Für Letztere muss zum Beispiel ein kleines Bänkchen am OP-Tisch befestigt werden, damit der Chirurg seine Unterarme ablegen kann, um mit möglichst ruhiger Hand am Gehirn arbeiten zu können. Bei Prostata-Operationen wird mittlerweile auch mit einem Roboter gearbeitet, was wiederum spezielle Positionen erfordert.


In dieser Nacht ist die Lagerung sehr überschaubar: Nach Absprache mit dem Anästhesisten, der den Beatmungsschlauch im Hals des Patienten sichert, ziehe ich den Patienten zuerst ein Stück nach unten, dann rücke ich die etwas verdrehte Hüfte gerade und lagere die Arme auf Stützen. Während ich sie dort befestige, wird mir bewusst, dass sich diese Arme nie wieder von selbst bewegen werden. Für den Bruchteil einer Sekunde ergreift mich der Gedanke, dass ich vielleicht die letzte Ursache bin für die Bewegung dieser Arme, für ein letztes Gleiten der Gelenke, von der Schulter über den Ellenbogen bis zum Handgelenk.


Dann erscheinen nach und nach die Operateure. Die OP-Schwestern erwarten diese bereits, ziehen ihnen die sterilen Kittel über und reichen dann erste Instrumente: ein Skalpell für den Hautschnitt, eine Knochensäge für das Brustbein, grosse Wundspreizer, um die Bauchlappen am Einfallen zu hindern. Der Körper wird geöffnet, sämtliche Organe präsentieren sich dem OP-Team. Und alles, was ich je über den Definitionsversuch von «Leben» gelesen habe, fällt in sich zusammen. Von einem «geschlossenen System» ist in der Biologie die Rede. Auch von der Fähigkeit zur Selbstorganisation und von Fortpflanzung und der Abgrenzung zur Aussenwelt, im Fall der Zelle zum Beispiel mittels einer Membran. Welch lächerliche, armselige Versuche, Unaussprechliches in Worte zu fassen. Ich bin fasziniert, Demut ergreift mich.


Stille. Konzentriertes Arbeiten. Leise gemurmelte Anweisungen der Chirurgen an die assistierende OP-Schwester. Ein kurzer Blick auf den Flur zeigt ein völlig anderes Bild: An die zehn Personen steigen über unzählige Taschen, Styroporbehälter und Rucksäcke, dokumentieren, telefonieren, diskutieren, delegieren. Eine Multiorganexplantation ist auch das: ein unglaublicher bürokratischer und organisatorischer Aufwand. Jedes entnommene Organ hat sein eigenes Team aus Ärzten und Koordinatoren, das sich um das sichere Eintreffen des Organs beim Empfänger kümmert. Oftmals in völlig anderen Städten, die via Flugzeug so schnell und sicher wie möglich angesteuert werden.

Eine Stunde später ist es auch im OP-Saal nicht mehr still. Ungewöhnlich viele Menschen sind zugegen. Neben den vier Chirurgen am OP-Tisch, den OP-Schwestern, dem Anästhesisten und der Anästhesieschwester stehen noch weitere Ärzte bereit, um die Organe in Empfang zu nehmen.


Und dann liegt da in der Mitte dieser tote und doch lebendige Mensch, vom Hals bis zur Scham aufgeklappt, der Brustkorb aufgesägt. Das stille Auge eines Orkans. Grelles Licht ergiesst sich über die Organe und die arbeitenden Hände der Chirurgen. Ein sehr blutiger Anblick. Ich habe Studenten erlebt, die bei diesem Anblick umkippten, die ich mithilfe von Kollegen aus dem Saal tragen musste. Die nicht wieder in den Saal zurückgehen wollten, nachdem sie wieder Farbe im Gesicht hatten, die sagten: «Ich kann das nicht ansehen.» Es gibt junge Kollegen, die mit verschränkten Armen interessiert die Augen zusammenkneifen, um genauer erkennen zu können. Und es gibt den erfahrenen Arzt, der kurz hereinschaut, nickt und wieder geht.

Blut ist nicht dazu gemacht, gesehen zu werden. Die Endgültigkeit des Todes ist schwer zu fassen. Ich spüre eine innere Revolte gegen das, was da passiert. Vielleicht die Unfähigkeit, das Sterben akzeptieren zu können, sich den Tod vorzustellen, die Nicht-Existenz. Und bei einem hirntoten Menschen ist es noch surrealer, da dieser sich zwischen den Welten zu befinden scheint.


Der alles entscheidende Moment kommt sehr früh. Gefässe, die zu Herz und Lunge führen, werden vom umliegenden Gewebe getrennt, die Organe mit kalter Infusionslösung durchgespült, das Blut abgesaugt. Es kommt zum Herzstillstand, schliesslich zum vollständigen Erliegen des Kreislaufes. Die OP-Schwester reicht dem Chirurgen eine gebogene, lange, dünne Zange, welche der Arzt oberhalb des Herzens an der Aorta ansetzt, um diese abzuklemmen. Der Chirurg durchtrennt die grossen Gefässe des Herzens und der Lunge. Letztere wird in geblähtem Zustand abgeklemmt und die Luftröhre durchtrennt, um ein Verkleben des Lungengewebes zu verhindern. Der Anästhesist tritt nach diesem Schritt ab, da er keine Vitalfunktionen mehr überwachen muss. Das EKG zeigt die Nulllinie, das Piepen der Herzfrequenz hört auf. Die Monitore werden stummgeschaltet. Und stumm ist in diesem Moment das komplette Team.

Herz und Lunge haben Priorität, da sie nur eine kurze Ischämiezeit dulden. Ischämie bedeutet das Absterben von Gewebezellen durch verminderte oder ausbleibende Durchblutung. Da die entnommenen Organe möglichst «frisch» den Empfänger erreichen sollen, wird der Körper weiterhin gekühlt. Ergänzend zu den kalten Infusionen giessen die Chirurgen bis zu fünfzehn Liter Eiswasser in den Bauchraum.

Dann treten die Thoraxchirurgen ab, um den Bauchchirurgen Platz zu machen. Jene entnehmen im Folgenden Leber, Darm, Nieren, Bauchspeicheldrüse.


Als ich nach der Versorgung anderer Patienten wieder zurück in den OP komme, ist der Brustkorb bereits leer, und die Bauchchirurgen sind mit der Leber beschäftigt. Eine Sache trifft mich an dieser Stelle erstmals und ganz unerwartet: Mein Blick fällt auf die Innenfläche des Brustkorbes. Auf die Stelle, an die sich noch vor kurzem ein Lungenflügel schmiegte. Wie unglaublich perfekt dieses glatte Gewebe gearbeitet ist, wie sich alles so anordnet, um Reibung möglichst zu verhindern, wenn sich die Lunge beim Atmen bewegt! An dieser Stelle im Körper eines Menschen hat kein Blick etwas verloren! Das spüre ich sofort. Dass diese Stelle weit über Begriffe wie Privates, Persönliches und Intimität hinausgeht. Die Innenseite eines Brustkorbs sollte niemand sehen dürfen oder müssen – eigentlich.


Ich halte mich weiter im Saal bei den Chirurgen auf, die Nacht ist ansonsten ruhig, der Kollege im anderen Stockwerk braucht meine Hilfe nicht. Und so entscheide ich trotz Müdigkeit und brennenden Augen, zu bleiben. Nicht aus Schaulust, sondern um mich bewusst mit dem Tod auseinanderzusetzen.

Normalerweise schaue ich Toten selten ins Gesicht. Zum einen ist es ein gruseliger Anblick, zum anderen fällt es mir so leichter, die Arbeit professionell zu erledigen. Ich kann diesem Anblick nicht immer ausweichen, zum Beispiel beim Umlagern von verstorbenen Patienten vom OP-Tisch in ein Krankenhausbett, aber ich versuche es. Vielleicht kann man das auch als Bewahren des professionellen Abstands bezeichnen. Für mich ist es letztlich kein «professioneller» Abstand, sondern ein emotionaler. Ich will meine Emotionen schützen. Je jünger eine Patientin oder ein Patient ist, desto mehr will ich das. Vor allem auch, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es da Kinder gibt, einen Ehemann, eine Ehefrau, einen Freundeskreis.

Der Patient, der hier vor mir liegt, ist neununddreissig − gerade einmal vier Jahre älter als ich. Ich spüre den Unterschied zwischen einem Unfallopfer im Strassenverkehr und einem Menschen, der nach langer Krankheit stirbt. Letzterer hatte mehr Zeit, sich zu verabschieden, gewisse Angelegenheiten zu regeln, Dinge abzuschliessen. Wie gnädig dies trotz grösster Tragik erscheint, im Vergleich zum Unfallopfer und der Plötzlichkeit seines Todes.


Ich nähere mich dem Patienten an der Kopfseite und werfe einen Blick über das Abdecktuch, auf den immer leerer werdenden Körper und die arbeitenden Chirurgen. Ich frage mich, was in den Chirurgen vorgeht. Eigentlich wollen sie das Leben erhalten – hier arbeiten sie an einem bereits Verstorbenen. Wahrscheinlich retten sie sich in die Konzentration. Das ist die am häufigsten praktizierte Methode, um sich von unangenehmen Regungen der eigenen Gefühle in solchen Momenten fernzuhalten. Vielleicht denken Chirurgen auch an die Organ-Empfänger, deren Leben sie mit dieser Arbeit retten und verlängern können.

Ich entscheide, weiterhin, in dieser Nacht Regungen, in welcher Form auch immer, zuzulassen. Obwohl mich eine unsichtbare Kraft aus dem OP-Saal schieben möchte.


Das Herz des Patienten liegt in einem Plastikbeutel in einem Plastikbehälter und pumpt wieder. Es ist in eine Maschine eingebaut, welche es am Schlagen hält, das sogenannte Organ Care System. Mittels 1200 Milliliter Spenderblut und Nährflüssigkeit wird es möglichst lange mit Sauerstoff versorgt, um ein Absterben von Gewebe zu verhindern.

Als ich dieses ausserhalb des Körpers schlagende Herz betrachte, steht plötzlich die Zeit still. Ich sehe nur dieses Herz, alles andere wird unscharf, und ich frage das Organ in Gedanken: «Welche Momente und Erlebnisse liessen dich höherhüpfen? Steckt in dir immer noch ein Teil der ersten Liebe, das Herzklopfen beim ersten Anblick deiner zukünftigen Frau? Ist noch etwas übrig von der Aufregung des alles entscheidenden Bewerbungsgesprächs? Es ist bitter für mich, zu ahnen, dass alles, was diesen Menschen auszeichnete, weg ist. Zumindest alles Nicht-Organische. Ich denke an meine eigenen Erinnerungen, an wertvolle Erinnerungen. Und ich frage mich, ob sie ebenso irgendwann einfach weg sein werden. Ins Nichts verschwinden. Für die Welt haben sie keine Bedeutung. Nicht einmal für meine Nachbarn oder die Kollegen. Ich verstehe, was es heissen kann, Abstand von sich zu nehmen, im Sinne von: sich selbst nicht so wichtig nehmen. Mir wird bewusst, wie klein und unbedeutend ich in der Welt bin. Zwischen einem unvorstellbar langen Nicht-gewesen-Sein und einem unendlich langen Nicht-mehr-Sein tut sich jene winzige Lücke auf, in die wir alles hineinpressen wollen.

Mich überkommt Demut. Auch, wenn ich an die Entstehung des Herzens im Mutterleib denke. Um den 22. Tag beginnt die erste Herzmuskelzelle des Fetus zu zucken, sich rhythmisch zu bewegen. Und sie wird dies unermüdlich tun, viele Jahrzehnte lang, bis zum Ende dieses Lebens, sogar dann, wenn sie es, wie in diesem Fall, ausserhalb eines Körpers tut. Oder noch später in einem anderen Körper. Bis heute gibt es, trotz intensiver Forschung, keine wissenschaftliche Erklärung dafür, woher der erste elektrische Impuls für diese Zelle kommt.


Wo auch immer dieser erste Impuls herkommt – hier im OP-Saal entweicht er, oder besser: Etwas entweicht. Nämlich die rosige Hautfarbe des Lebendigen. Zurück bleibt ein grünliches Grau. Ich berühre den Patienten, beziehungsweise den Toten. Nur kurz und mit einer Fingerspitze. Eiskalt. Und genau so fährt es mir den Rücken hinab. Ungewohnt, nicht ekelhaft, aber falsch, gruselig. Ich trete zurück und überblicke die Situation: Neununddreissig Jahre. Mitten im Leben. Und jetzt eiskalt und halbleer. Mit neununddreissig hat man Pläne, Ideen, Zukunft, Termine. Ich stelle mir diesen Mann vor, zu einem fiktiven Zeitpunkt, dem vor ein paar Tagen. Da stand er noch mitten im Alltag. Mit Sicherheit gab es Sätze, die anfingen mit «Nächste Woche müssen wir unbedingt ...».

Und jetzt liegt er hier. Vorbei, tot, kalt. Jetzt muss er gar nichts mehr.


Die Endgültigkeit des Todes ist schwer zu fassen. Man möchte sie nicht akzeptieren. Die Unwiederbringlichkeit von allem schmeckt bitter. Ich frage mich: Was bedeutet das für mich als Lebenden? Wo liegt der Unterschied zwischen dem theoretischen Wissen der eigenen Endlichkeit und diesem direkten Miterleben des Todes? Ich sehe immer diese Zahl Neununddreissig vor mir. Ist sie eine gute Zahl, weil der Verstorbene das Glück erleben durfte, für neununddreissig Jahre der Nicht-Existenz entschlüpft zu sein? Oder ist sie eine traurige Zahl, weil der Mann doch mit Sicherheit gerne ein hohes Alter erreicht hätte?

Ist das Leben letztlich banal? Oder ist es an sich schon Wunder genug, so dass es nicht nötig ist, darin ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Muss man ein Ziel erreichen, um ein Leben als erfüllt ansehen zu können?


Ein Anästhesist betritt den Saal. Er wolle nur mal vorbeischauen, dies ist schliesslich kein alltäglicher Eingriff. Ich erfahre, dass der Anästhesist diesen Mann in seinem Einsatz als Notarzt behandelt hat. Und ich erfahre, dass der Mann Vater war. Ich hätte es lieber nicht gewusst. Mein Sohn ist zu diesem Zeitpunkt eineinhalb Jahre alt. Das ist der einzige Moment, in dem ich kurz den Saal verlasse. Im Geist die Kinder zu sehen und gleichzeitig deren Vater im jetzigen Zustand − das ist zu viel.

Statt dem ersten Impuls zu folgen und ein wenig durch die Gänge zu wandern, packe ich draussen vor dem Saal mit an. Lenke mich ab, helfe die Rucksäcke und Taschen der Transplantationskoordinatoren zum Aufzug zu tragen, bereite ein frisches Krankenhausbett für den Verstorbenen vor. Das alles tut gut, lässt die Tragik für einen Moment vergessen.

Dann sitze ich für eine kurze Pause im Aufenthaltsraum. OP-Schwestern unterhalten sich über die Multiorganexplantation. Eine sagt, dass sie nach einmaliger Teilnahme nie wieder eine weitere assistiert hat: «Ich halte das einfach nicht aus. Erst sieht der Patient aus wie jeder andere Intensivpatient, und dann hast du da zum Schluss so eine eingefallene Leiche liegen. Nee, ohne mich.» Eine andere erzählt, dass sie Explantationen nicht mehr machen kann, seitdem sie Familie hat. «Ich muss mir dann immer vorstellen, wie das wäre, wenn mein Mann da läge.» Sie schüttelt den Kopf. «Dafür bin ich nicht gemacht.» Ich bemerke ihr Schlucken, ihr Blinzeln; sie steht auf und bringt ihre Kaffeetasse weg.



Nach ungefähr sechs Stunden ist die Explantation beendet. Team nach Team verlässt, jeweils mit Styroporbehältern, den OP. Ich helfe, die Abdeckungen vom Toten zu entfernen. Wir räumen das Chaos der herumstehenden Gerätschaften, Tische, Hocker, Mülleimer, Kabel und Schläuche auf. Der Verstorbene ist zugenäht, und zusammen mit der OP-Schwester wasche ich ihn. Wir decken ihn zu und fahren ihn zurück in die Schleuse. Als wir ihn auf ein frisches Krankenhausbett ziehen, wende ich zu viel Kraft an, und der Körper landet am Rande des Bettes auf meiner Seite. Ich stütze ihn umgehend mit meiner Hüfte. Ich hatte nicht bedacht, dass der Körper jetzt sehr viel leichter ist als zuvor. Wir betten ihn und decken ihn zu. Auch das Gesicht. Der Transportdienst wird ihn abholen und in die Pathologie fahren. Dort haben die Angehörigen die Möglichkeit, sich zu verabschieden.

Die Organe des Spenders werden sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht in einem Flugzeug, in einem Auto oder bereits in einem neuen Körper befinden. Sie verrichten hoffentlich weiter ihre Dienste, heilen und verlängern ein unbekanntes Leben.


Später sitze ich wieder allein in der Schleuse. Es ist still. Ich habe das Licht gedimmt, meine Augen brennen trotzdem. Ich könnte auf der Stelle in Tiefschlaf fallen. Ich muss an die Frau denken, die ihren Mann verloren hat, an die Kinder, die ab heute keinen Vater mehr haben. Es berührt mich, wie könnte es das nicht? Aber am Ende bleibt für mich schlicht die Erkenntnis: «Menschen sterben unweigerlich.» So simpel, wie ich es als Kind irgendwann gesagt bekam, so banal bleibt es nach dieser Nacht. Ob in hohem Alter, viel zu früh, durch Krankheit oder Unfall. All diese Dinge passieren seit tausenden von Jahren. Ich frage mich, ob wir im 21. Jahrhundert vielleicht zu sensibel geworden sind. Durch Technik und Fortschritt haben wir die Lebensqualität- und Erwartung beachtlich verlängert. Vor 200 Jahren war der Tod auch tragisch und traurig – aber er war damals auch Alltag. Entsprechend schneller, vielleicht sogar leichter war die Bewältigung eines Verlustes.


In den folgenden Wochen erlebe ich eine Veränderung meiner Perspektive auf das Leben. Ich frage mich nicht mehr mit dem Blick in die Zukunft, was ich erleben möchte, was ich erreichen will. Sondern ich betrachte mein Leben immer mehr von der Perspektive des Totenbettes aus. Was wird es mal gewesen sein, auf das ich zurückblicken möchte, das ich als erfüllend empfinden werde? Diese Perspektive hat für mich eine viel grössere Tragweite. Mir wird klarer, was ich nicht möchte, auf was ich verzichten kann. Dieses Aussortieren finde ich einfacher als das krampfhafte «Hineinsortieren» bestimmter Ziele in die Lebenszeit. Was am Ende übrig bleibt, da hinein will ich meine Energie investieren.


Der griechische Philosoph Epikur hielt einst fest: «Wir leben nur einmal, zweimal kann man nicht geboren werden. Danach können wir in alle Ewigkeit nicht mehr sein. Du aber bist nicht einmal Herr über den morgigen Tag und verschiebst doch immerzu den rechten Augenblick. Über dem Zaudern geht das Leben dahin, und ein jeder von uns stirbt rastlos.»

Auf dem Nachhauseweg lasse ich mir Zeit. Es ist acht Uhr morgens, meine Freundin wird wohl gerade von unserem Sohn geweckt. Ich laufe in Zeitlupe über gefrorenen Schnee und bade in der Wärme der aufgehenden Wintersonne. Das Knirschen unter meinen Füssen erinnert mich an einen Satz des Bergsteigers Jon Krakauer: "Es ruft Glücksgefühle in mir hervor, die an Verzückung grenzen."

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